Berufung & Lebensführung 01. Juli 2026 · 7 Min. Lesezeit

Reihe: Wahre Männlichkeit – schöpfen, schützen, dienen, lieben · Teil 2 von 6

Wofür hat Gott den Mann geschaffen?

Die Zielbestimmung des Mannes lässt sich in vier Verben lesen: schöpfen, schützen, dienen, lieben. Was das heißt – und was nicht.

Aktualisiert 05. Juli 2026

Kurzantwort

Wer fragt, was einen Mann zum Mann macht, fragt meist nach Eigenschaften – nach Stärke, Mut, Entschlossenheit. Diese Frage führt schnell in Streit, weil jeder andere Eigenschaften nennt. Es gibt aber eine ältere und ruhigere Frage, die dem Streit vorausliegt: Wozu ist er da? In der christlichen Anthropologie wird ein Ding nicht zuerst von seinen Merkmalen her verstanden, sondern von seinem Ziel. Ein Messer versteht, wer weiß, dass es schneiden soll; erst dann lässt sich sagen, welche Schärfe gut ist. Ebenso wird verständlich, welche Eigenschaften einem Mann wozu dienen, sobald das Ziel im Blick ist.

Fragt man die Schrift nach diesem Ziel, so antwortet sie nicht mit einer Definition, sondern mit einer Bewegung, die sich vom ersten Garten bis zum Kreuz durchhält. Man kann sie in vier Verben fassen, die einander tragen: schöpfen, schützen, dienen, lieben. Das ist keine These, die überredet werden müsste, sondern eine Lesart, die sich am Text prüfen lässt – Vers für Vers. Läuft die Prüfung durch, ergibt sich ein schlichter Satz: Nicht, was ein Mann besitzt, bestimmt seine Männlichkeit, sondern wofür er seine Kraft einsetzt. Ob dieser Satz trägt, soll das Folgende zeigen, nicht behaupten.

Biblische Grundlage

Der erste Auftrag an den Menschen steht am Anfang der Schrift, im Garten, vor jedem Konflikt:

Gott, der HERR, nahm den Menschen und gab ihm seinen Wohnsitz im Garten von Eden, damit er ihn bearbeite und hüte. Genesis 2,15

Zwei Verben tragen den Vers: bearbeiten und hüten. Das eine ist schöpferisch – es bringt hervor, kultiviert, bringt zum Blühen, was sonst brachläge. Das andere ist bewahrend – es schützt, was anvertraut ist, vor dem, was es bedroht. Beide gehören zusammen. Ein Bearbeiten ohne Hüten plündert; ein Hüten ohne Bearbeiten erstarrt. Der Mensch ist in die Schöpfung nicht als Herr gestellt, der sie besitzt, sondern als Verwalter, der für sie einsteht.

Dass dieser Mensch von vornherein auf ein Gegenüber hin geschaffen ist, sagt der Schöpfungsbericht in zwei Schritten. Zuerst grundsätzlich:

Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie. Genesis 1,27

Und dann, im zweiten Bericht, überraschend persönlich:

Dann sprach Gott, der HERR: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm ebenbürtig ist. Genesis 2,18

„Ebenbürtig” – das hebräische Wort meint ein Gegenüber auf Augenhöhe, kein Werkzeug. Der Mensch ist so geschaffen, dass er nicht für sich allein bestehen soll. Er ist auf einen anderen Menschen hin angelegt, und seine Bestimmung erfüllt sich nicht im Kreisen um sich selbst, sondern im Sich-Zuwenden. Das Neue Testament gibt diesem Grundzug sein schärfstes Maß, dort, wo es den Mann in der Ehe anspricht:

Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, Epheser 5,25

Das Maß der Liebe ist hier nicht das Gefühl, sondern die Hingabe Christi – ein Sich-Verschenken bis zum Äußersten. Was im Garten als Bearbeiten und Hüten beginnt, gipfelt hier im Sich-Hingeben. Bezeichnend ist, dass dem Mann in diesem Abschnitt nicht zuerst ein Recht, sondern eine Last zugesprochen wird, und dass ihm die wechselseitige Ordnung vorangestellt ist: „Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Furcht Christi” (vgl. Eph 5,21).

Spannungsfeld

Gegen diese Zielbestimmung stehen mehrere Verkürzungen, die alle plausibel klingen.

Die erste verwechselt Männlichkeit mit Oberfläche. Sie macht den Mann an äußeren Merkmalen fest – an körperlicher Kraft, an handwerklicher Härte, am Bild des „harten Kerls”. Diese Bestimmung gerät in eine Krise, sobald die äußere Herausforderung wegfällt: Wer seine Identität an die körperliche Arbeit gehängt hat, verliert sie, wenn der Beruf sie nicht mehr verlangt. Eine Männlichkeit, die nur an der Schale hängt, ist so verletzlich wie die Schale.

Die zweite verwechselt Versorgung mit Wohlstand. Sie meint, ein Mann sei erst dann zur Verantwortung berufen, wenn er ökonomisch gesichert ist. Die Tradition widerspricht: Josef und Maria waren ein armes Paar, und gerade ihnen wurde das Größte anvertraut. Nicht das Vermögen macht den Mann, sondern der Wille zur Verantwortung. Armut ist nicht der Feind der Männlichkeit – die Sünde ist es, und die Sünde heißt hier vor allem: Verantwortung scheuen.

Die dritte verwechselt Führung mit Herrschaft. Sie hört im Wort von der „dienenden Führung” nur das zweite und überhört das erste. Doch die Reihenfolge ist entscheidend: Es ist dienende Führung, nicht führendes Dienen. Der Maßstab ist Christus, der sich hingibt, nicht der Herrscher, der unterwirft. Wer Epheser 5 als Freibrief zur Herrschaft liest, überspringt genau den Satz, der dem Mann das Schwerere zumutet.

Argumentation

Die vier Verben sind keine vier nebeneinander stehenden Aufgaben, sondern eine Ordnung, in der jedes das nächste trägt.

Schöpfen. Der Mann ist zum Hervorbringen gesetzt. Das meint mehr als Arbeit: Es meint die Bereitschaft, etwas in die Welt zu bringen, das ohne ihn nicht wäre – ein Werk, eine Familie, eine Ordnung, in der andere leben können. Kompetenz ist in diesem Licht keine bloße Karrierefrage, sondern eine Form der Verwalterschaft. Wer seine Arbeit schlecht tut, vergeht sich nicht nur am Kunden, sondern an dem Auftrag, etwas Gutes hervorzubringen. Untätigkeit dagegen ist nicht neutral; sie lässt verkommen, was hätte wachsen können.

Schützen. Was hervorgebracht ist, ist bedroht und muss gehütet werden. Schutz ist die nach außen gewandte Seite der Liebe: die Bereitschaft, sich zwischen die Schwachen und das zu stellen, was ihnen schadet. Der Maßstab dafür ist nüchtern und überprüfbar: Fühlen sich die Schwächeren in der Reichweite eines Mannes sicherer? Wo seine Gegenwart Angst erzeugt, hat er den Auftrag verkehrt; wo sie Raum schafft, erfüllt er ihn.

Dienen. Schöpfen und Schützen könnten noch dem Stolz dienen. Erst das Dienen bricht den Kreis um das eigene Ego. Jesus hat die Größe ausdrücklich an den Dienst gebunden und damit den gewohnten Maßstab umgekehrt: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele” (vgl. Mk 10,45). Wer diesen Satz auf sich anwendet, achtet „nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen” (vgl. Phil 2,4). Der Mann ist nicht Herr dessen, was ihm anvertraut ist, sondern Verwalter – und ein Verwalter dient. Dem dritten Teil dieser Reihe ist es vorbehalten, dieses Vorbild ganz zu entfalten.

Lieben. Die drei vorigen finden ihr Maß in der Liebe, und die Liebe findet ihr Maß in der Hingabe Christi. Hier ist die Bewegung am Ziel. Die katholische Tradition hat diesen Punkt so scharf formuliert wie kaum einen anderen: Der Mensch, heißt es im Zweiten Vatikanum, kann sich selbst nur finden, indem er sich aufrichtig hingibt (vgl. Gaudium et spes 24; KKK 1604; 2331). Das ist keine fromme Zutat, sondern die Auflösung des Rätsels, das der erste Teil offenließ: Warum das Kreisen um sich selbst – ob als Aufblähung oder als Rückzug – ins Leere führt. Wer sich festhält, verliert sich; wer sich verschenkt, findet sich. Der Mann gibt darum, wo es darauf ankommt, nicht nur von seinem Überfluss, sondern sich selbst. Das ist die schwerste und die eigentlich männliche Aufgabe, und die Schrift mutet sie in der Ehe ausdrücklich dem Mann zuerst zu. Hier liegt auch der tiefere Sinn des „ein Fleisch” von Genesis 2,24 (vgl. Eph 5,31): Der Leib selbst ist nicht neutral, sondern auf Hingabe hin angelegt – er ist zur Sprache eines Sich-Schenkens bestimmt, nicht zum Werkzeug des Gebrauchs.

Diese Ordnung gilt nicht nur für Ehemänner. Schöpfen, schützen, dienen und lieben sind Grundrichtungen, die jeder Mann lebt – gegenüber Geschwistern, Freunden, Anvertrauten, gegenüber den Schwachen, Kranken und denen am Boden. Ehe und leibliche Vaterschaft sind eine besondere und dichte Gestalt dieser Berufung, aber nicht ihre einzige.

Grenzen

Dieser Text bestimmt das Ziel, nicht den Weg. Er sagt, wozu der Mann da ist, aber kaum, wie die innere Arbeit gelingt, die dazu nötig ist; das ist Sache der folgenden Teile. Er entfaltet auch nicht die Lehre von Mann und Frau, von Ehe und Sakrament in ihrer ganzen Breite, sondern nur, soweit sie die Zielbestimmung des Mannes betrifft.

Er behauptet ferner keine schematische Aufgabenteilung, die jedem Mann und jeder Frau feste Tätigkeiten zuwiese. Die vier Verben sind Richtungen, keine Stellenbeschreibungen. Wie sie im einzelnen Leben Gestalt annehmen, ist eine Frage der Klugheit, die dieser Text nicht abnehmen kann.

Was wir nicht behaupten

  • Wir behaupten nicht, dass nur Männer schöpfen, schützen, dienen oder lieben. Es geht um die besondere Weise, in der der Mann zu diesen Aufgaben gerufen ist, nicht um ein Monopol.
  • Wir behaupten nicht, dass wirtschaftlicher Erfolg ein Maß der Männlichkeit sei. Der Wille zur Verantwortung steht über dem Vermögen.
  • Wir behaupten nicht, dass „dienende Führung” eine Erlaubnis zur Herrschaft sei. Der Maßstab ist die Selbsthingabe Christi, nicht die Durchsetzung.
  • Wir behaupten nicht, dass diese Berufung leicht zu leben sei. Sie ist eine Last, bevor sie eine Würde ist.

Schlussfolgerung

Die Frage „Was macht einen Mann zum Mann?” findet ihre Antwort nicht in einer Liste von Eigenschaften, sondern in einer Richtung. Der Mann ist gesetzt, um zu bearbeiten und zu hüten, um zu versorgen und zu schützen, um zu dienen und sich hinzugeben. Vier Verben, die einander tragen: schöpfen, schützen, dienen, lieben. Sie sind kein Programm, das sich an einem Tag erfüllen ließe, sondern eine Ausrichtung, an der sich ein ganzes Leben prüfen lässt.

Damit ist die Vorlage gelegt, aber noch nicht das Vorbild gezeigt. Denn wer diesen Maßstab hört – lieben, wie Christus geliebt hat –, fragt sofort: Wie hat er das getan? Dieser Frage geht der nächste Teil nach. Die Entscheidung, ob ein Mann sein Leben dieser Ausrichtung anvertraut, bleibt ihm selbst überlassen.

Lies. Prüfe. Denke. Bete. Entscheide frei.

AMDG

Häufige Fragen

Häufige Fragen

Muss ein Mann wirtschaftlich abgesichert sein, um seiner Berufung zu folgen?
Nein. Die Tradition erinnert daran, dass Josef und Maria ein armes Paar waren. Nicht der Wohlstand entscheidet, sondern der Wille zur Verantwortung. Armut ist nicht der Feind der Männlichkeit, sondern die Weigerung, für andere einzustehen.
Gilt diese Berufung nur für Ehemänner und Väter?
Nein. Schöpfen, schützen, dienen und lieben sind Grundrichtungen, die jeder Mann lebt – als Bruder, Freund, Kollege, in der Gemeinde oder gegenüber den Schwachen. Ehe und leibliche Vaterschaft sind eine besondere Gestalt davon, nicht die einzige.
Heißt "dienende Führung" nicht einfach Unterordnung der Frau?
Die in dieser Reihe vertretene Linie liest die Schrift so, dass dem Mann zuerst die schwerere Last zugemutet wird: zu lieben, wie Christus die Kirche liebte, also bis zur Hingabe (vgl. Eph 5,25). Der Abschnitt beginnt zudem mit einem wechselseitigen "Einer ordne sich dem andern unter" (vgl. Eph 5,21). Wo der Maßstab der Hingabe fehlt, ist von christlicher Führung nicht die Rede, sondern von ihrem Gegenteil.

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