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Glaube verstehen 24. Mai 2026 · 8 Min. Lesezeit

Was sind Christen? Eine ehrliche Einführung für alle, die fragen

Was Christen wirklich sind und was nicht — eine sachliche Erklärung für Menschen, die nicht in der Kirche aufgewachsen sind oder die mit den vertrauten Bildern wenig anfangen können.

Kurzantwort

Christen sind weder eine politische Bewegung, noch eine moralische Vereinigung, noch ein Lifestyle, noch primär eine Kulturidentität. Sie sind Menschen, die glauben, dass ein einzelner Jude vor 2000 Jahren — Jesus von Nazareth — Gott war, gekreuzigt wurde, am dritten Tag von den Toten auferstand, und dass dieses Ereignis alles ändert. Punkt.

Alles andere — Kirche, Tradition, Moral, Praxis, Politik — folgt aus dieser einen Behauptung oder gehört nicht zum christlichen Glauben.

Wenn dir diese Behauptung erst einmal sehr seltsam vorkommt, ist das eine ehrliche Reaktion. Sie ist seltsam. Sie war es auch schon, als sie erstmals erhoben wurde — die ersten Hörer haben Paulus für verrückt erklärt, als er es ihnen sagte (Apg 17,32). Der Punkt ist nicht, dass die Behauptung normal klingt. Der Punkt ist, was Christen tun, wenn sie sie für wahr halten.

Biblische Grundlage

Das Wort „Christ” taucht in den ersten Texten überhaupt nicht auf. Die ersten Anhänger Jesu nannten sich selbst „Jünger”, „Gläubige”, „Heilige”, „Brüder und Schwestern” — oder schlicht „die Leute vom Weg” (Apg 9,2). Der Name Christ entstand außerhalb der Gruppe, als Beobachter eine Bezeichnung für diese auffällige neue Bewegung brauchten:

In Antiochia nannte man die Jünger zum ersten Mal Christen. Apostelgeschichte 11,26

„Christ” heißt wörtlich: Anhänger des Christus — und Christus ist die griechische Übersetzung des hebräischen Maschiach („Gesalbter”, „Messias”), des im jüdischen Glauben erwarteten Befreiers. Wer also „Christ” sagt, sagt damit zugleich: Ich glaube, dass Jesus der Messias ist.

Worauf das hinausläuft, hat Paulus knapp zusammengefasst:

Als Erstes habe ich euch weitergegeben, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. 1. Korinther 15,3-5

Drei Tatsachen, sehr nüchtern: gestorben — begraben — auferstanden — gesehen. Ohne diese vier Punkte gibt es keinen christlichen Glauben. Mit ihnen — und mit der Annahme, dass das alles wirklich passiert ist — beginnt er.

Die früheste Beschreibung, wie Christen miteinander lebten, steht in Apostelgeschichte 2:

Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten. Apostelgeschichte 2,42

Vier Markierungen, von Anfang an: Lehre, Gemeinschaft, gemeinsames Mahl (Eucharistie), Gebet. Jede christliche Kirche tut bis heute, in der einen oder anderen Form, diese vier Dinge.

Und Jesus selbst nennt nur ein einziges Erkennungszeichen, an dem Außenstehende sehen sollen, dass jemand zu ihm gehört:

Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt. Johannes 13,35

Nicht die richtige politische Position. Nicht die korrekte Moralvorschrift. Nicht eine bestimmte Kulturgewohnheit. Einander lieben.

Spannungsfeld

Viele Menschen halten Dinge für „christlich”, die es nicht sind — oder zumindest nicht im Kern. Eine ehrliche Liste:

Christen sind nicht primär eine politische Identität. Es gibt linke Christen und rechte Christen, konservative und progressive. Wer „christlich” mit „konservativ” gleichsetzt (oder mit „progressiv”), hat eine Kulturzuschreibung übernommen, kein Glaubensmerkmal. Jesus war weder Politiker noch Aktivist.

Christen sind nicht primär eine Moralvereinigung. Christen versuchen, anständig zu leben — aber das tun viele Nicht-Christen auch, oft besser. Das Christentum ist keine Selbstverbesserungstechnik. Es ist die Annahme einer Befreiung, die ich nicht selbst hergestellt habe (und auch nicht herstellen kann).

Christen sind nicht primär eine Kulturidentität. Es gibt afrikanische, koreanische, brasilianische, syrische, indische Christen, die in Sitten und Bildern so weit von einer „abendländisch-christlichen Kultur” entfernt sind wie nur möglich — und genauso Christen sind. „Abendländisch christlich” ist eine kulturhistorische Beschreibung, kein Glaubensmerkmal.

Christen sind nicht identisch mit institutioneller Kirche. Die Kirche als Institution besteht aus Menschen — Menschen, die Fehler machen, manchmal schwere. Die Tatsache, dass die Institution gefehlt hat (auch grob), widerlegt nicht den christlichen Glauben — so wenig wie ein korrupter Arzt die Medizin widerlegt. Aber: ein Christ ohne irgendeine kirchliche Anbindung ist im historischen Sinn eine sehr ungewöhnliche Figur. Die frühe Gemeinde ist von Anfang an eine Gemeinschaft, nicht ein Individuum.

Christen sind nicht immer freundlich. Sie sollen es sein. Sie sind es oft nicht. Diese Lücke ist real — und sie entwertet nicht die Sache, der Christen folgen. Es bedeutet nur, dass Menschen ihr eigenes Bekenntnis nicht immer einlösen.

Und umgekehrt:

Es gibt nicht „den Christen ohne Bekenntnis”. Wer alles glauben kann, weil er nichts Bestimmtes glaubt, ist nicht Christ in irgendeinem historisch oder biblisch sinnvollen Sinn. Ein paar Mindestaussagen — Gott, Christus, Auferstehung — sind nicht verhandelbar. Sonst entsteht eine vage Spiritualität, aber kein Christentum.

Es gibt nicht „den Christen ohne Praxis”. Glaube zeigt sich, oder es ist keiner (Jak 2,17). Eine bloß intellektuelle Zustimmung, die im Leben nichts verändert, hat Jakobus als Glaube tot bezeichnet.

Argumentation

Was macht also jemanden zum Christen — minimal, nüchtern? Vier Merkmale, die historisch und biblisch tragen:

Erstens: Glaube an Christus. Wer Jesus für einen guten Lehrer hält, einen Sozialrevolutionär, einen Mystiker, einen weisen Mann — der hat eine Meinung über Jesus, aber ist nicht Christ. Christ wird man, sobald man die ungeheuerliche Behauptung annimmt, die Jesus selbst über sich gemacht hat: dass er der Christus ist, der Sohn Gottes, gestorben und auferstanden für die Versöhnung des Menschen mit Gott. Petrus’ Bekenntnis ist die kürzeste Form:

Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Matthäus 16,16

Zweitens: Taufe. Die historische Eingangstür in die Kirche. Praktisch alle christlichen Traditionen — katholisch, orthodox, lutherisch, reformiert, freikirchlich — halten die Taufe für unverzichtbar, auch wenn sie über Form und Zeitpunkt streiten. Sie ist das sichtbare Zeichen dafür, dass jemand zu Christus gehört.

Drittens: Nachfolge. Glaube zeigt sich in einer geänderten Lebensweise. Nicht perfekt, nicht abgeschlossen, oft mit Rückfällen — aber gerichtet. Jesus sagt es so:

Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Markus 8,34

„Sein Kreuz aufnehmen” heißt nicht: ein bisschen Unannehmlichkeit ertragen. Es heißt im historischen Kontext: bereit sein, alles aufzugeben — einschließlich des Lebens, wenn es darauf ankommt. Jesus war hier sehr deutlich.

Viertens: Zugehörigkeit zur Kirche. Christen sind nie isolierte Individuen — sie gehören zu einem Leib (1Kor 12). Das kann eine Pfarre sein, eine Gemeinde, eine Hauskreis, eine Klostergemeinschaft. Aber irgendeine sichtbare Form der Verbundenheit mit anderen Christen ist von Anfang an Teil dessen, was Christen sind. Allein-Christsein als Dauerzustand kennt das Neue Testament nicht.

Aus diesen vier Merkmalen folgt das, was Außenstehende oft sehen: Christen gehen zur Messe oder zum Gottesdienst, beten, lesen die Bibel, geben Geld an Bedürftige, versuchen wahrhaftig zu sein, vergeben einander, halten an einer bestimmten Ethik fest. Das alles sind Konsequenzen der vier Punkte, nicht ihr Wesen.

Praktische Anwendung

Wenn du selbst kein Christ bist und das hier ehrlich verstehen willst:

  • Frag Christen, was sie wirklich glauben — nicht, was sie wählen oder welche Werte sie haben. Die Antwort auf „Was bedeutet Jesus für dich?” sagt mehr aus als die Antwort auf „Bist du eher konservativ oder progressiv?”.
  • Lies einmal ein Evangelium am Stück. Das Markusevangelium ist das kürzeste (etwa 90 Minuten Lesezeit). Lies es ohne Kommentare, einfach durch. Du wirst überrascht sein, wie wenig es dem entspricht, was du in der Schule oder in den Medien gehört hast.
  • Unterscheide zwischen kulturellem und überzeugtem Christsein. Viele, die „katholisch” oder „evangelisch” auf dem Personalausweis stehen haben, sind das in einem rein kulturellen Sinn. Das ist kein Vorwurf, nur eine Beschreibung. Wenn du verstehen willst, was Christen glauben, frag jemanden, dessen Leben sichtbar davon geprägt ist.
  • Sei skeptisch — aber konkret. Pauschalverurteilungen („Religion verblödet”) oder Pauschalverklärungen („Glaube macht glücklich”) führen beide nicht weiter. Frage konkret: Was wird hier behauptet? Was wird verschwiegen? Was passt zusammen, was nicht?
  • Du musst hier nicht zustimmen. Niemand möchte dich überzeugen. Dieser Artikel will dir nur erklären, was du eigentlich vor dir hast, wenn du einem Christen begegnest. Was du damit machst, ist deine Sache.

Wenn du selbst Christ bist:

  • Prüfe regelmäßig, ob dein Christsein noch die vier Merkmale trägt — oder ob es zu einer politischen, moralischen oder kulturellen Hülle geworden ist.
  • Sei in der Lage, einem Nicht-Christen in zwei oder drei Sätzen zu erklären, was du glaubst — ohne Insider-Sprache. Wenn du das nicht kannst, hast du selbst etwas zu klären.
  • Lebe so, dass die Definition sichtbar wird. Johannes 13,35 ist hier der Maßstab, nicht die Lautstärke des Bekenntnisses.

Grenzen

  • Eine Definition ersetzt keine Erfahrung. Was Christen wirklich glauben, versteht man am Ende nicht durch einen Artikel, sondern durch das Lesen der Texte, das Hören der Liturgie, das Beobachten von Menschen, die so leben.
  • Christen sind menschlich. Viele entsprechen ihrem eigenen Bekenntnis nicht. Das ist eine Tatsache über die Christen, nicht über das Christentum.
  • Es gibt Unterschiede. Katholische, orthodoxe, evangelische, freikirchliche Christen unterscheiden sich erheblich — in Sakramentenlehre, Kirchenverständnis, Liturgie, Moraltradition. Sie sind verschiedener, als manche denken — und einiger, als andere behaupten. Dieser Artikel hat den gemeinsamen Kern beschrieben, nicht die Unterschiede.
  • Wir können nicht alles sagen. Das ist ein Einstieg, kein Lehrbuch. Tiefer geht es in den weiteren Artikeln auf christlichdenken.at — und in der Schrift selbst.

Was wir nicht behaupten

  • Wir behaupten nicht, dass Christen bessere Menschen sind. Sie sind Menschen, die annehmen, dass sie nicht aus eigener Kraft gut sind — und auf eine Befreiung angewiesen, die sie sich nicht verdienen können.
  • Wir behaupten nicht, dass alle, die im Personenstandsregister als „Christ” geführt werden, Christen im hier beschriebenen Sinn sind. Sehr viele sind es kulturell, nicht überzeugt. Das ist okay als Beschreibung — aber kein Glaubensbekenntnis.
  • Wir behaupten nicht, dass dieser Artikel dich überzeugen wird oder soll. Christlichdenken.at versucht nicht, Menschen zu Christen zu machen — wir versuchen zu erklären, was Christen sind. Was du daraus machst, gehört dir.
  • Wir behaupten nicht, dass Glauben einfach ist. Er ist es nicht, auch für Christen nicht. Wer das anders erzählt, lügt.
  • Wir behaupten nicht, dass Nicht-Christen schlechte oder verlorene Menschen sind. Gottes Liebe gilt allen Menschen ohne Vorbedingung (Joh 3,16). Was die Christenheit über das Verhältnis von Gott und Nicht-Christen lehrt, ist differenziert und kontrovers — und in einem Einstiegsartikel falsch aufgehoben.

Schlussfolgerung

Christen sind Menschen, die glauben, dass Jesus Christus Gott ist — gestorben für die Versöhnung des Menschen mit Gott, am dritten Tag auferstanden — und dass diese Tatsache alles ändert. Aus diesem Glauben folgt eine bestimmte Lebensweise, eine bestimmte Gemeinschaft, eine bestimmte Hoffnung. Aber der Kern ist nicht die Lebensweise. Der Kern ist die Person.

Wenn du das nicht glaubst — versteh wenigstens, dass das die Behauptung ist. Es ist nicht „eine Meinung unter vielen”, es ist eine Tatsachenbehauptung über etwas, das vor 2000 Jahren passiert sein soll. Du kannst sie prüfen, du kannst sie ablehnen, du kannst sie ignorieren. Aber du solltest nicht so tun, als wäre sie etwas anderes — etwa nur eine Werteorientierung.

Wenn du sie für wahr hältst — dann beginnt das Christsein. Nicht mit Perfektion, nicht mit Sicherheit im Gefühl, nicht mit kompletter Lebensumstellung über Nacht. Es beginnt mit der Annahme: ich glaube das ist wahr — und ich will lernen, davon her zu leben.

Wenn du Fragen hast, frag. Christlichdenken.at ist genau dafür da.

Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt. Johannes 13,35

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Lugmayr, Raphael (2026): „Was sind Christen? Eine ehrliche Einführung für alle, die fragen". Christlichdenken, 24. Mai 2026. https://christlichdenken.at/artikel/was-sind-christen

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